Patientengeschichten

Wie Detektive lösen Forscher*innen und Ärzt*innen Fälle seltener Erkrankungen am Centrum für Chronische Immundefizienz

Wenn eine Diagnose auf einmal eine ganze Familiengeschichte erklärt

Wenn das Immunsystem defekt ist, dann geht es nicht nur um eine Erkältung. Angeborene Immundefekte sind oft lebensbedrohlich und sie sind extrem selten. Deshalb suchen Menschen mit Immundefekten häufig jahrelang erfolglos in Arztpraxen und Kliniken nach der richtigen Diagnose. So wie Silke Braun aus Herford. Mehr als 40 Jahre lang konnte sich kein Arzt erklären, was genau mit ihr nicht stimmt. Sie litt immer wieder an schweren Durchfällen und langwierigen Infekten. Schließlich war die 1,73 Meter große Frau auf 45 kg abgemagert und musste über Infusionen ernährt werden. Als Nierenversagen und ein Magenkarzinom hinzukamen, war sie mit ihren Kräften beinahe am Ende. Ein Internist äußerte 2012 den Verdacht auf einen Immundefekt und überwies sie ans Centrum für Chronische Immundefizienz (CCI) am Universitätsklinikum Freiburg. Prof. Dr. Bodo Grimbacher machte sich an die detektivische Arbeit und setzte das Puzzle aus ihrem Krankheitsbild und ihrer Familiengeschichte, sowie seinem Wissen und seiner Erfahrung als Forscher und Arzt zusammen. Was macht Durchfall, das man nicht nachweisen kann? fragte er sich, denn andere Ärzt*innen hatten schon mehrere Darmspiegelungen durchgeführt, doch nie eine Entzündung gefunden. Drei Todesfälle in ihrer Familie machten ihn stutzig, die bisher nicht miteinander in Zusammenhang gebracht wurden. Vater, Bruder und Nichte waren früh mit 66, 24 und 15 Jahren gestorben. Er war sich sicher, dass es sich tatsächlich um einen Immundefekt handeln muss. Doch welchen genau?

2013 entdeckte seine Forschergruppe am CCI einen neuen Gendefekt in CTLA4, der für mehrere Fälle von schweren Fehlsteuerungen des Immunsystems verantwortlich war. Er passte zum Krankheitsbild von Silke Braun. Ein Gentest bestätigte den Verdacht. „Nach mehr als 40 Jahren Odyssee hatte ich endlich eine Diagnose“, sagt Silke Braun. Unter der Anleitung von Prof. Dr. Bodo Grimbacher wurden die bisherigen Medikamente abgesetzt und durch ein Medikament ersetzt, das ursprünglich für die Rheumatherapie entwickelt wurde und das defekte CTLA4 Molekül ersetzen sollte. Der Patientin ging es zu diesem Zeitpunkt sehr schlecht und die Wirkung solcher Medikamente setzt nicht unmittelbar ein. Wird das neue Medikament wirken? Eine qualvolle Zeit für Silke Braun und ihr Ärzteteam. Zwölf Wochen später kam der Umschwung und ihr Gesundheitszustand besserte sich stetig. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie ihre Krankheit im Griff. „Ohne die genetische Diagnose, wäre so eine maßgeschneiderte Therapie nicht möglich gewesen“, sagt Prof. Dr. Bodo Grimbacher.

Doch Silke Braun musste weiter kämpfen, denn das Magenkarzinom kam zweimal wieder, so dass sie 2016 ihren Magen entfernen lassen musste. Aber auch davon hat sie sich erholt und seit letztem Jahr geht es ihr wieder gut. Einmal im Jahr fährt sie zur Kontrolle die 600 km von Herford nach Freiburg ans CCI. „Herr Professor Grimbacher ist mein Telefonjoker, ich kann ihn immer auf dem Handy erreichen, das hat mir schon oft sehr geholfen“, sagt sie.

Die Detektivarbeit der Forscher*innen am CCI hat auch Licht ins Dunkle von Silke Brauns Familiengeschichte gebracht. Heute gibt es eine plausible Erklärung für die drei frühen Todesfälle in ihrer Familie, auch wenn die im Nachhinein nicht mehr gelöst werden können. Ihr zweiter Bruder und ihre Schwester wurden inzwischen getestet und der CTLA4 Gendefekt auch bei ihnen gefunden. Sie haben ihre eigenen Krankheitsgeschichten. Beim zweiten Bruder mit Happy End. Er schwebte mit 50 Jahren in Lebensgefahr, doch sein Leben konnte am Universitätsklinikum Freiburg von Prof. Dr. Jürgen Finke mit einer Stammzelltransplantation von einem passenden Spender gerettet werden und er ist heute von dem Gendefekt geheilt.